Warum Kinder, die ständig gelobt werden, später unsicherer sein können – laut Psychologie

Warum Kinder, die ständig gelobt werden, später unsicherer sein können – laut Psychologie

Hier kommt eine Wahrheit, die sich anfühlt wie ein Schlag ins Gesicht guter Elternschaft: All das Lob, das du deinem Kind gibst – „Du bist so klug!“, „Du bist die Beste!“, „Das ist absolut perfekt!“ – könnte genau das Gegenteil von dem bewirken, was du dir erhoffst. Klingt wild, oder? Aber genau das zeigen psychologische Studien aus den letzten Jahren. Eddie Brummelman, ein niederländischer Psychologe, hat mit seinem Team herausgefunden, dass bestimmte Arten von Lob Kinder nicht selbstbewusster machen, sondern sie in kleine Anerkennungsjunkies verwandeln, die später als Erwachsene ständig nach Bestätigung suchen.

Bevor du jetzt in Panik verfällst und beschließt, dein Kind nie wieder zu loben: Nein, Lob ist nicht grundsätzlich schlecht. Es geht darum, wie und wofür du lobst. Die Psychologie hat mittlerweile ziemlich genau herausgefunden, welche Art von Lob Kinder stärkt und welche sie langfristig schwächt. Spoiler: Die meisten von uns machen es falsch.

Das Paradox vom übertriebenen Lob: Wenn „Du bist toll!“ zur Belastung wird

Eddie Brummelman und sein Team an der Universität Amsterdam haben etwas untersucht, das sie „inflationäres Lob“ nennen. Das sind diese überzogenen Superlative, die wir fast reflexartig raushauen: „unglaublich“, „außergewöhnlich“, „absolut brillant“ – und zwar für Dinge, die eigentlich total normal sind. Dein Kind räumt sein Zimmer auf? „Wow, du bist so verantwortungsbewusst!“ Es malt ein Bild? „Das ist ein Meisterwerk!“

In einer Studie, die in der renommierten Fachzeitschrift Psychological Science veröffentlicht wurde, beobachteten die Forscher 240 Eltern-Kind-Paare in ihrem natürlichen Umfeld. Und hier wird es richtig interessant: Gerade die Kinder mit niedrigem Selbstwertgefühl bekamen am häufigsten dieses übertriebene Lob. Eltern meinen es gut – sie denken, sie müssten diese unsicheren Kinder besonders aufbauen. Doch genau bei diesen Kindern zeigt sich der paradoxe Effekt am stärksten.

Nach solchem inflationären Lob wählten diese Kinder bei neuen Aufgaben eher die einfachen Varianten. Sie mieden herausfordernde Aufgaben wie der Teufel das Weihwasser. Warum? Weil das übertriebene Lob einen unsichtbaren Druck aufbaut. Wenn du einem Kind ständig erzählst, es sei „unglaublich talentiert“ oder „absolut brillant“, setzt du damit eine Messlatte, die kaum zu halten ist. Das Kind denkt unbewusst: „Okay, die erwarten jetzt immer Brillanz von mir. Was passiert, wenn ich beim nächsten Mal nur durchschnittlich bin?“

Die Angst vor dem Scheitern wird größer als die Lust am Ausprobieren

Du bist sieben Jahre alt und hast gerade ein Bild gemalt. Deine Mutter schaut es an und sagt: „Oh mein Gott, das ist das schönste Bild, das ich je gesehen habe! Du bist eine echte Künstlerin!“ Cool, denkst du dir. Aber gleichzeitig setzt sich in deinem Kopf fest: Ich muss jedes Mal etwas Außergewöhnliches schaffen. Beim nächsten Mal, wenn du vor einem leeren Blatt sitzt, hast du plötzlich Angst. Was, wenn es dieses Mal nicht „das schönste Bild aller Zeiten“ wird? Was, wenn Mama enttäuscht ist?

Die Universität Zürich hat die Forschung zu diesem Thema zusammengefasst und kommt zu einem klaren Schluss: Übertriebenes Lob suggeriert unrealistisch hohe Standards. Besonders bei Kindern, die ohnehin schon unsicher sind, entsteht ein Teufelskreis. Sie ziehen sich zurück, vermeiden neue Herausforderungen und werden noch unsicherer. Die gut gemeinte Lobeshymne wird zur schweren Last, die auf kleinen Schultern liegt.

Der Unterschied zwischen echtem Selbstwert und Narzissmus

In einer Langzeitstudie, die im hochkarätigen Fachjournal PNAS veröffentlicht wurde, haben Brummelman und sein Kollege Brad Bushman von der Ohio State University 565 niederländische Kinder im Alter von sieben bis elf Jahren über eineinhalb Jahre begleitet. Sie wollten herausfinden: Was passiert, wenn Eltern ihre Kinder ständig über den grünen Klee loben?

Die Forscher unterschieden dabei zwei wichtige Dinge: elterliche Wärme und elterliche Überhöhung. Elterliche Wärme bedeutet echte Zuneigung, emotionale Unterstützung und das Gefühl, geliebt zu werden – egal was passiert. Elterliche Überhöhung hingegen bedeutet, dass Eltern ihr Kind für etwas Besonderes halten, es über andere Kinder stellen und als Vorbild ansehen.

Das Ergebnis war eindeutig: Elterliche Wärme förderte ein gesundes Selbstwertgefühl bei den Kindern. Diese Kinder entwickelten ein stabiles Bild von sich selbst. Aber elterliche Überhöhung führte zu narzisstischen Tendenzen. Ja, richtig gelesen: Zu viel Lob macht nicht selbstbewusst, sondern narzisstisch.

Warum Narzissmus und Selbstbewusstsein zwei völlig verschiedene Dinge sind

Hier wird es richtig wichtig, denn viele Menschen verwechseln das. Narzissmus mag auf den ersten Blick wie Selbstbewusstsein aussehen. Narzisstische Menschen wirken oft selbstsicher, haben große Auftritte und scheinen von sich überzeugt. Aber unter der Oberfläche sieht es ganz anders aus.

Menschen mit gesundem Selbstwert können ihre Stärken und Schwächen realistisch einschätzen. Sie können auch mit Rückschlägen umgehen, ohne gleich komplett zusammenzubrechen. Narzisstische Persönlichkeiten hingegen brauchen ständige externe Bestätigung. Ihr Selbstwertgefühl ist wie ein Luftballon, der permanent aufgepumpt werden muss – lässt die Bewunderung nach, fühlen sie sich leer und unsicher.

Die Botschaft, die überhöhende Eltern unbewusst senden, lautet: „Du bist wertvoll, weil du besser bist als andere.“ Das klingt vielleicht erst mal nach einer Stärkung, aber eigentlich ist es eine extrem fragile Basis für den Selbstwert. Das Kind lernt: Mein Wert definiert sich durch Vergleiche, durch Überlegenheit, durch die bewundernden Blicke anderer. Und das ist ein verdammt wackeliges Fundament für ein ganzes Leben.

Die Scham nach dem Scheitern: Wenn „Du bist so klug“ zur Falle wird

Forscher der Universität Mannheim haben einen weiteren faszinierenden Aspekt untersucht: den Unterschied zwischen personenbezogenem und verhaltensbezogenem Lob. Personenbezogenes Lob richtet sich auf das Kind selbst – „Du bist so klug“, „Du bist talentiert“, „Du bist die Beste“. Verhaltensbezogenes Lob fokussiert sich auf die Handlung – „Du hast hart gearbeitet“, „Deine Strategie war clever“, „Du hast nicht aufgegeben“.

Die Studie zeigte etwas Erschütterndes: Kinder mit niedrigem Selbstwertgefühl, die personenbezogenes Lob erhielten, empfanden nach einem Misserfolg besonders starke Scham. Sie fühlten sich nur dann wertvoll, wenn sie Leistung brachten. Ein Fehler wurde nicht als normaler Teil des Lernprozesses gesehen, sondern als Beweis dafür, dass sie doch nicht so „klug“ oder „talentiert“ waren, wie alle behaupteten.

Diese Kinder entwickeln eine toxische Beziehung zum Scheitern. Während Kinder, die für ihre Anstrengung gelobt werden, einen Fehler als Signal sehen, dass sie es anders versuchen müssen, sehen personenbezogen gelobte Kinder einen Fehler als Beweis ihrer Unzulänglichkeit. Das ist der brutale Unterschied zwischen „Ich habe versagt“ und „Ich bin ein Versager“.

Die Sucht nach externer Bestätigung: Wenn andere deine Fernbedienung sind

Ein junger Erwachsener, der als Kind ständig überschwänglich gelobt wurde, steht jetzt vor wichtigen Entscheidungen – Job wechseln? Eine Beziehung eingehen? Ein Risiko wagen? Doch statt auf sein Bauchgefühl oder seine eigene Einschätzung zu hören, kreisen seine Gedanken nur um eine Frage: „Was werden die anderen denken?“

Das ist kein Zufall. Wenn ein Kind lernt, dass sein Wert sich hauptsächlich durch die positive Reaktion anderer definiert, wird diese externe Bestätigung zur Droge. Ohne sie fühlt sich die Person orientierungslos, unsicher, wertlos. Die Fähigkeit, Entscheidungen autonom zu treffen und ein inneres Gefühl für den eigenen Wert zu entwickeln, bleibt unterentwickelt.

Psychologen sprechen hier von kontingentem Selbstwert – einem Selbstwertgefühl, das an bestimmte Bedingungen geknüpft ist. Menschen mit stark kontingentem Selbstwert fühlen sich nur dann wertvoll, wenn sie Anerkennung bekommen, wenn sie erfolgreich sind, wenn andere sie bewundern. Das Problem: Das Leben ist nicht immer eine Standing Ovation. Und was passiert, wenn niemand applaudiert?

Wie Lob richtig geht: Die Kunst der ehrlichen Anerkennung

Jetzt fragst du dich wahrscheinlich: Soll ich mein Kind dann gar nicht mehr loben? Natürlich nicht. Die Lösung liegt in der Art und Weise, wie wir loben. Hier sind die wichtigsten Prinzipien, die sich aus der Forschung ableiten lassen:

  • Sei spezifisch statt allgemein: Statt „Du bist so klug“ sag lieber „Deine Idee, das Problem von dieser Seite anzugehen, war clever“. Das Kind lernt, was genau gut war und kann es wiederholen. Es bekommt konkretes Feedback statt einer vagen Ego-Massage.
  • Lobe die Anstrengung, nicht das Ergebnis: „Du hast heute wirklich hart trainiert“ ist tausendmal besser als „Du bist der beste Spieler“. Das erste lehrt Beharrlichkeit und zeigt, dass Erfolg mit Einsatz zu tun hat. Das zweite setzt unter Druck und suggeriert, dass Talent angeboren ist.
  • Bleib realistisch: Nicht jede Fingermalerei ist ein Meisterwerk, nicht jede Schulaufgabe ist „perfekt“. Ehrliche Anerkennung wiegt mehr als inflationäre Superlative. Kinder haben feine Antennen – sie merken, wenn Lob übertrieben ist, und lernen dann, dass Worte nicht viel bedeuten.
  • Trenne Person von Leistung: Dein Kind ist wertvoll, egal ob es gewinnt oder verliert, ob es eine Eins oder eine Vier schreibt. Diese Botschaft sollte konstant durchkommen, nicht nur in Erfolgsmomenten. Liebe dein Kind für das, was es ist, nicht für das, was es leistet.

Die Balance zwischen Wärme und Realität

Die Forschung hat es auf den Punkt gebracht: Es ist die elterliche Wärme, die den Unterschied macht, nicht die elterliche Überhöhung. Ein Kind braucht das sichere Gefühl, geliebt und akzeptiert zu werden – bedingungslos. Das bedeutet nicht, dass wir unsere Kinder nicht für ihre Erfolge feiern sollten. Aber diese Feier sollte nicht der einzige oder Hauptweg sein, wie wir unsere Liebe ausdrücken.

Wenn ein Kind spürt, dass es auch dann wertvoll und geliebt ist, wenn es mal eine schlechte Note schreibt, einen Wettkampf verliert oder einen Fehler macht, dann entwickelt es einen robusten, inneren Selbstwert. Das ist die Art von Selbstwertgefühl, die auch in stürmischen Zeiten standhält, wenn niemand applaudiert und das Leben mal nicht nach Plan läuft.

Die unsichtbare Last der Perfektion

Therapeuten berichten von einer ganzen Generation junger Erwachsener, die äußerlich erfolgreich erscheint, aber innerlich von Zweifeln zerfressen wird. Sie haben tolle Abschlüsse, beeindruckende Lebensläufe, doch fühlen sich wie Hochstapler. Dieses Phänomen – in der Psychologie als Impostor-Syndrom bekannt – ist erschreckend weit verbreitet.

Ein Teil dieser Dynamik lässt sich auf Erziehungsmuster zurückführen, die gut gemeint waren, aber nach hinten losgingen. Kinder, die ständig hörten, sie seien „die Besten“, „außergewöhnlich“ oder „perfekt“, haben gelernt, dass ihr Wert an diese Superlative gekoppelt ist. Als Erwachsene stehen sie unter permanentem Druck, dieses Bild aufrechtzuerhalten. Jeder Fehler fühlt sich an wie ein Betrug, jede Kritik wie eine existenzielle Bedrohung.

Das Geschenk realistischer Erwartungen

Paradoxerweise ist eines der größten Geschenke, die wir Kindern machen können, die Erlaubnis, normal zu sein. Nicht jedes Kind ist ein Genie, nicht jedes Talent ist außergewöhnlich, nicht jede Leistung ist preiswürdig – und das ist vollkommen okay. Ein Kind, das lernt, dass es in Ordnung ist, durchschnittlich zu sein, entwickelt oft mehr echtes Selbstvertrauen als eines, das unter dem Druck steht, ständig herausragend sein zu müssen.

Das bedeutet nicht, dass wir keine Erwartungen haben oder unsere Kinder nicht ermutigen sollten, ihr Bestes zu geben. Aber es bedeutet, dass wir ihre Anstrengung würdigen, nicht nur das Ergebnis, und dass wir ihnen zeigen, dass unser Stolz und unsere Liebe nicht an Leistung gekoppelt sind.

Wenn du dich als Erwachsener ständig unsicher fühlst

Vielleicht erkennst du dich in diesen Mustern wieder. Vielleicht bist du einer dieser Menschen, die trotz aller äußeren Erfolge innerlich unsicher sind, die ständig die Bestätigung anderer brauchen, die sich wie ein Betrüger fühlen. Vielleicht liegt ein Teil der Antwort in deiner Kindheit. Vielleicht warst du eines dieser Kinder, die ständig überschwänglich gelobt wurden, die auf ein Podest gestellt wurden, die als „besonders“ oder „außergewöhnlich“ galten.

Diese Erkenntnis ist nicht dazu da, um deine Eltern zu beschuldigen. Die allermeisten Eltern tun das Beste, was sie können, mit dem Wissen, das sie haben. Aber es hilft zu verstehen, woher bestimmte Muster kommen und wie wir sie durchbrechen können – bei uns selbst und bei der nächsten Generation.

Die Psychologie zeigt uns: Echter Selbstwert wächst nicht aus Lob und Bewunderung, sondern aus der tiefen inneren Überzeugung, dass wir wertvoll sind – einfach weil wir existieren, nicht weil wir etwas Bestimmtes leisten oder darstellen. Diese Art von Selbstwert ist robust, hält Stürmen stand und braucht keine ständige externe Bestätigung. Wenn wir Kindern helfen wollen, zu selbstbewussten, unabhängigen Erwachsenen zu werden, sollten wir weniger Zeit damit verbringen, sie zu loben, und mehr Zeit damit, ihnen echte Präsenz zu schenken. Ihnen zuhören, sie sehen, sie in ihren Gefühlen ernst nehmen – das sind die Bausteine für ein stabiles Selbstwertgefühl.

Woran erinnerst du dich am deutlichsten aus Kindheits-Lob?
„Du bist besonders!“
„Du bist so klug!“
„Du bist der Beste!“
„Toll gemacht!“
„Du hast dir Mühe gegeben!“

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